Vorwort

Liebe SMV,

Dieser Reader soll Euch bei der Gestaltung des Aktionstages helfen, den die Landesschülervertretung Bayern am 23. Oktober 2001 mit Eurer Hilfe an allen bayrischen Schulen stattfinden lassen will.

Und dieses Vorwort wiederum soll Euch näher bringen, warum es sich für Euch, Eure Mitstreiterinnen und Mitstreiter lohnt, Zeit zu investieren, Mitschüler zu motivieren und eine Aktion an der eigenen Schule zu organisieren.

Demokratie an der Schule ist ein seltsames Ding: alle erzählen von ihr und loben sie in den höchsten Tönen, aber keiner hat den Mut ihre Prinzipien umzusetzen. Die Schule wird nicht von Mitbestimmung und Engagement geprägt, sondern der Direktor trifft alle wichtigen Entscheidungen allein, und muss sich nicht unbedingt um die Meinung der Schülerschaft, des Lehrerkollegiums oder der Eltern scheren. Das Schulforum verkommt zur Farce, da seine Entscheidungen immer nur Empfehlungen an die Schulleitung darstellen und seine Kompetenzen lächerlich gering bemessen sind. Wir Schüler haben keine Möglichkeiten, unser unmittelbares Lernumfeld, das heißt den Unterricht, das Schulleben und alles was damit zu tun hat, selbstbestimmt und nach unseren Vorstellungen mitzugestalten.

Klassen- und Kollegstufensprecher, die gewählten Vertreter der Schüler, werden nicht als demokratisch legitimierte Interessenvertretung verstanden, sondern müssen nicht selten für organisatorische Hilfstätigkeiten wie "Kreide holen" oder "Tafel wischen" herhalten. Auf diese Weise wird die Basis für Mitbestimmung von Schüler schon im Klassenzimmer unterdrückt. Wir werden einfach nicht ernst genommen, und haben deshalb auch keine Gestaltungsfreiräume!

Die Schülerzeitung, die den Schülern als Sprachrohr dienen soll, ist in Wirklichkeit eine Schulzeitung. Denn die Schulleitung kann alle Beiträge so interpretieren, dass sie gegen den "Erziehungsauftrag" verstoßen, und hat dann das Recht die Herausgabe der ganzen Ausgabe zu unterbinden. Dieser Gummiparagraph ermöglicht es den Direktoren unter dem Deckmantel der guten Erziehung, Ausgaben mit kritischen Artikeln zu zensieren. Die Pressefreiheit ist wichtiger Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaftsordnung . Für Schulen in Bayern gilt sie offensichtlich nicht!

Die Pressefreiheit ist allerdings nicht das einzige Grundrecht, dass an bayrischen Schulen torpediert wird. Es ist trauriger Alltag, dass Schreiben an den Schülerausschuss oder die Redaktion der Schülerzeitung im Direktorat erst mal geöffnet wird. Viele Schulleiter billigen uns also nicht einmal die Kompetenz zu, selbstständig zwischen wichtiger und unwichtiger Post zu entscheiden. Noch trauriger als diese Verletzungen des Postgeheimnisses aber ist, dass gerade Schreiben der Landesschülervertretung oder der Jungen Presse bisweilen in den Papierkörben der Direktoren verschwinden.

Den Schülersprechern indes ergeht es nicht besser: Jeder Flyer, jedes Plakat und jede Durchsage muss genehmigt werden. Eine eigenständige Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der SMV wird so effektiv verhindert. Und wieder entscheidet die Schulleitung darüber, was Schüler von ihren gewählten Vertretern erfahren sollen, und was sie nicht zu erfahren haben.

Schüler - Mit - Verantwortung? Pustekuchen! Es darf nicht angehen, dass die SMV, anstatt vehement die Interessen der Schülerschaft zu vertreten, dazu abqualifiziert wird, nur nette Partys für die Unterstufe zu organisieren und am Elternabend "für einen guten Zweck" Kaffee und Kuchen zu verkaufen. Wer von Verantwortung spricht, der muss sie auch in unsere Hände legen!

Demokratie ist kein Spiel, sondern eine Herausforderung! Deshalb müssen die demokratisch legitimierten Klassen-, Kollegstufen- und Schülersprecher endlich auch als Interessensvertreter ernst genommen und im Dialog mit Vertretern der Lehrer und der Schulleitung als gleichberechtigt anerkannt werden.

Und das ist der Grund, warum Ihr gemeinsam mit vielen anderen bayrischen Schülern den Aktionstag um einen coolen Beitrag bereichern solltet: um Euch für mehr Demokratie und gegen Alibi- Mitbestimmung einzusetzen, gegen die Missachtung Eurer Grundrechte und gegen die Zensur von Schülermeinung in jeder Form! Sorgt für ordentlich Diskussionsstoff an Eurer Schule! Regt eure Mitschüler an, sich mit ihrer Stellung auseinander zu setzen!

Und falls Eure Schule zu den Musterbeispielen gehört, an denen die Schulleitung den Schülervertretern nicht beständig Knüppel zwischen die Beine wirft, dann zeigt Euch bitte solidarisch. Denkt an Eure Kollegen und nutzt die Gelegenheit, über Mitbestimmung und Aufgaben der SMV an der Schule zu diskutieren. Warum nicht zusammen mit Eurem Direktor oder gleich im Schulforum?

Wir wünschen Euch spannende Diskussionen, unzählige einschlagende Ideen, viel Spaß bei der Planung und Durchführung Eurer Aktion sowie Kurzweil bei der weiteren Lektüre dieses Readers.